Aufnahmeprozess
Seit 2018 betreibt der JHO vollstationäre Wohngruppen für Kinder unter sechs Jahren. Ziel ist es, passgenaue Aufnahmen zu ermöglichen und Fehlplatzierungen zu vermeiden – „Kinder sind keine Versuchskaninchen.“ Jede Aufnahme ist einzigartig, dennoch gibt es klare Abläufe, Fragestellungen und Kriterien, um zu prüfen, ob die stationäre Unterbringung im U6-Bereich geeignet ist.
Die U6-Gruppen des JHO verfügen über folgende Parameter: je Gruppe 6 Plätze, Altersbereich primär zwischen 3–5 Jahre, in Ausnahmefällen Aufnahme ab ca. 1–1,5 Jahren (z. B. zur Vermeidung von Geschwistertrennung), Altersgrenze ca. 7 Jahre, Personal: 9 VK für 6 Plätze.
Die Zielgruppe unter Berücksichtigung der oben genannten metaphorischen Linie sind Geschwisterkinder mit hohem Bedarf an gemeinsamer Unterbringung, Kinder mit Entwicklungsverzögerungen oder auffälligem Sozialverhalten, Kinder aus stark belasteten Familienverhältnissen (z. B. psychische Erkrankungen, Suchtproblematik, Vernachlässigung) und Kinder, bei denen Pflegefamilien aus fachlicher Sicht nicht geeignet sind. Häufige Merkmale der aufgenommenen Kinder sind Sprach-, Grob- oder Feinmotorikverzögerungen, auffälliges Sozial- oder Essverhalten, Probleme in der Lebenspraxis und Selbstständigkeit, Bindungsstörungen oder belastete Bindungserfahrungen, Wahrnehmungsstörungen, Kinder mit seelischer oder drohender seelischer Behinderung (§ 35a SGB VIII) und ADS/ ADHS, Verdacht auf Autismus-Spektrum oder Fetales Alkoholsyndrom (FAS).
Neben den vollstationären U6-Gruppen bietet der JHO auch Bereitschaftspflegefamilien, die eng durch pädagogische Fachkräfte begleitet werden. Diese Fachkräfte sind meist sowohl in der Bereitschaftspflege als auch im stationären U6-Bereich tätig und sorgen so für einen fließenden Übergang und eine umfassende Einschätzung.
Die Zeit in der Bereitschaftspflege wird genutzt, um Beobachtungen zum Kind zu sammeln, familiäre Hintergründe zu recherchieren, Entwicklungsbedarfe und gesundheitliche Aspekte zu klären und frühzeitig therapeutische Maßnahmen anzustoßen. Wichtig in der pädagogischen Zielsetzung ist keine Ersatzelternschaft, sondern die Einbindung der Herkunftseltern – auch im stationären Rahmen. Das Ziel ist eine kooperative, ressourcenorientierte Zusammenarbeit mit der Familie.
Bevor es zur Aufnahme in eine U6Gruppe kommt, finden Besuche in der Bereitschaftspflegefamilie durch Gruppen- und Bereichsleitungen statt und es werden mehrere vorbereitende Kontakte des Kindes mit der potenziellen U6-Gruppe durchgeführt, um eine Beobachtung der Dynamik zwischen Kind, Gruppe und Fachkräften zu ermöglichen und erste Erkenntnisse daraus abzuleiten. Ziel ist hierbei eine verantwortungsvolle Entscheidung, ob die vollstationäre Unterbringung im U6-Bereich im Einzelfall sinnvoll und tragfähig ist.
Team- und Fallbesprechungen
Die Ausrichtung der pädagogischen Arbeit auf dem JHO orientiert sich an einem ganzheitlichen Ansatz. Das bedeutet, dass sowohl das Kind mit seinen individuellen Voraussetzungen und Bedürfnissen als auch die jeweilige Herkunftsfamilie mit ihrem sozialen Umfeld wesentliche Bestandteile unserer Arbeit sind. Ausgehend von einer systemischen Betrachtungsweise des Herkunftssystems, aus dem ein Kind in die Wohngruppe kommt, werden besondere Förder- und Interventionsmöglichkeiten erarbeitet.
Die Mitarbeitenden der U6-Gruppen treffen sich einmal wöchentlich mit der Bereichsleitung zum Austausch über das aktuelle Gruppengeschehen, Beobachtungen im Alltag und zur Optimierung von Gruppenabläufen und allgemeinen organisatorischen Belangen. Dies dient dazu, die Zusammenarbeit im Team zu verbessern und die bestmögliche Unterstützung für die Kinder und Familien sicherzustellen, Informationen auszutauschen und gemeinsam den aktuellen Stand der Betreuung zu besprechen.
Daneben finden im 14-tägigen Rhythmus Fallbesprechungen von jeweils 1,5 Stunden statt. Ein*e ausgebildete*r systemische*r Fallberater*in der Einrichtung moderiert diesen Prozess. An Fallberatungen nehmen neben Team- und Bereichsleitung ebenfalls die Elternberatung und weitere Kolleg*innen, die das betreffende Kind im Alltag auf dem JHO fördern, teil; dies sind u.a. Mitarbeitende aus dem Heilpädagogischen Setting oder dem tiergestützt-pädagogischen Setting.
Ziel der Beratungen ist es, die Reflexion der eigenen Arbeit zu fördern und einen fachlichen Austausch und eine Koordination zwischen den Fachkräften zu schaffen. Herausforderungen können so frühzeitig erkannt und gemeinsam bewältigt werden, wodurch letztlich die Qualität der Betreuung gesichert und verbessert wird.
Im U6-Bereich kommen der Teamund Fallbesprechung besondere Bedeutungen zu. Kinder in dieser Altersgruppe entwickeln sich körperlich, kognitiv und sprachlich (sehr) schnell, wodurch sich Gruppendynamiken und pädagogische Anforderungen häufiger verändern als im Ü6-Bereich. Das verlangt von den Teams eine regelmäßige Reflexion der Tagesstruktur, Abläufe, Regeln und pädagogischen Haltungen – idealerweise mit einem ganzheitlichen Blick auf die Entwicklung jedes einzelnen Kindes.
Ein zentrales und wiederkehrendes Thema in Team- und Fallbesprechungen ist die Unterscheidung zwischen Bindung und Beziehung: Während im Ü6-Bereich Beziehung – verstanden als verlässliche soziale Interaktion mit einem Schwerpunkt auf erarbeitetem gegenseitigen Vertrauen – im Fokus steht, überwiegt insbesondere bei Kindern von 0 bis 3 Jahren die Bedeutung sicherer Bindungen. Pädagogische Fachkräfte tragen hier besondere Verantwortung, den Kindern auch im Schichtdienst (Gefühle von) Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln bzw. unaufgefordert anzubieten/ zu ermöglichen. Dies erfordert Sensibilität, die Fähigkeit zur Bedürfnisantizipation und regelmäßigen Austausch im Team sowie ggf. mit externen Fachleuten wie Therapeut*innen oder Ärzt*innen.
Team- und Fallbesprechungen dienen darüber hinaus regelmäßig dazu, aktuelle Erkenntnisse aus Forschung, Theorie und Praxis in die pädagogische Arbeit einfließen zu lassen. Fortgebildete Mitarbeitende fungieren dabei als Wissensmultiplikatoren innerhalb der Einrichtung. Insbesondere im U6-Bereich wird so sichergestellt, dass Teams stets auf dem erkenntnisneuesten Stand arbeiten. Zusätzlich werden gruppendynamische Entwicklungen reflektiert – sowohl bezogen auf die Kinder untereinander als auch auf die Beziehungen und Bindungen (!) zwischen Kindern und Mitarbeitenden.
Dienststruktur
In der U6-Kleinkindwohngruppe wird Wert auf eine stabile und verlässliche Betreuung gelegt, um den Kindern ein sicheres und vertrauensvolles Umfeld zu bieten. Innerhalb des Tages gibt es nur wenige Wechsel im Betreuungsdienst, was den Kindern Orientierung und Sicherheit vermittelt.
Bereits am Morgen ist deutlich ersichtlich, wer tagsüber im Dienst ist. Dies gibt den Kindern Sicherheit. In der Regel sind drei bis vier Kolleginnen und Kollegen anwesend. Es gibt klare Bezugspersonen und Ansprechpartner*innen für die Kinder, die beispielsweise auch Arzttermine begleiten, sofern dies möglich ist
Ein wichtiger Bestandteil der Betreuung ist die intensive 1:1-Zeit mit den Kindern. Die Fachkräfte nehmen sich bewusst Zeit, um auf die individuellen Bedürfnisse und Wünsche der Kinder einzugehen und sind die ersten Ansprechpartner*innen im Alltag.
Einmal pro Woche findet eine Gruppenrunde statt, die bereits im Kleinkindalter eingeführt wird. Dabei werden die Wünsche der Kinder berücksichtigt, beispielsweise bei der Essensauswahl oder bei Freizeitausflügen.
Die Kinder haben im Alltag die Möglichkeit, selbst zu äußern, welche*r der anwesenden Kolleg*innen sie wickeln oder baden soll, um ihre Selbstbestimmung zu fördern.
Am Abend, bis zur Bettgehzeit, begleiten in der Regel drei Fachkräfte die Kinder eng, um ihnen einen ruhigen Übergang in die Nachtruhe zu ermöglichen. Dabei nehmen sie sich Zeit für Einschlafrituale wie Lieder, Vorlesen und das gemeinsame ZurRuhe-Kommen, um den Kindern Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln.
An den Wochenenden ist Zeit für Ausflüge oder auch Besuchskontakte mit den Eltern, die je nach Hilfeplanung individuell gestaltet werden.
Insgesamt ist die Woche der Kleinkindwohngruppen durch wiederkehrende Strukturen und Routinen geprägt.
Kinderalltag
Der Alltag der Kinder wird individuell auf ihre jeweiligen Bedürfnisse abgestimmt. Im Vormittagsbereich werden die Kinder in der Regel in den Kindergärten und Krippen der Gemeinde betreut. Der Nachtdienst übernimmt die Versorgung im Morgenbereich und wird dabei von einer Hauswirtschaftskraft unterstützt, die das Frühstück der Kinder vorbereitet und bei den morgendlichen Routinen hilft.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen folgt eine Mittagspause, die etwa 30 Minuten dauert. Während dieser Zeit können die Kinder sich ausruhen, selbstständig beschäftigen, einen Mittagsschlaf machen oder anders zur Ruhe kommen. Im Anschluss haben die Kinder die Möglichkeit in der Gruppe zu spielen. Sie können Vorschläge für Aktivitäten einbringen oder Angebote der Freizeitgestaltung wahrnehmen, wobei dies, je nach Entwicklungsstand des Kindes, individuell geregelt wird.
Darüber hinaus nehmen die Kinder häufig an therapeutischen Angeboten außerhalb der Wohngruppe wie Logopädie oder Ergotherapie teil, um ihre Entwicklung gezielt zu fördern.
Arzttermine gehören ebenfalls zum Alltagsgeschäft. Zudem gehören Gruppeneinkäufe, Hobbys wie Kinderturnen, Verabredungen sowie interne Angebote wie die Einzelsettings der tiergestützten Pädagogik und Heilpädagogik oder gruppenübergreifende Angebote wie Schwimmschule oder Fußball zu ihrem Alltag.
Das Abendessen (ca. 17.30 Uhr) markiert den Beginn der Abendroutine. Im Abendbereich spielen die Kinder in kleinen Gruppen, um zur Ruhe zu kommen und sich auf die Nachtruhe vorzubereiten. Anschließend werden die Kinder in Einzelzeit betreut, um sie behutsam ins Bett zu begleiten. Dabei nehmen sich die Fachkräfte Zeit für Einschlafrituale wie Lieder, Vorlesen oder das gemeinsame ZurRuhe-Kommen, um den Kindern Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln.
Die pädagogischen Fachkräfte haben neben den Alltagsroutinen Ziele für jedes einzelne Kind, an denen spielerisch oder durch gezielte Aufgaben gearbeitet wird. Dabei handelt es sich zum Beispiel darum, neue Verhaltensweisen zu erlernen oder andere zu verringern, soziale Fertigkeiten anzueignen oder die soziale Wahrnehmung einzuüben.
Zudem gilt es, das Selbstwertgefühl der Kinder zu stärken und Schwächen oder Ängste zu überwinden wie auch die individuellen Ressourcen zu fördern. Die Kinder werden befähigt, mit Emotionen, Gefühlen und Impulsen umzugehen und eigene Bedürfnisse und Interessen wahrzunehmen.
Die Förder- und Interventionsmöglichkeiten werden dabei eng durch die Fachkräfte begleitet und in den Fallbesprechungen immer wieder reflektiert.
Elternarbeit
Der systemische Ansatz und der Wert „Familie“, der das Leitmotiv des Jugendhofes Obermeyers ist, führt dazu, dass die Arbeit mit dem Herkunftssystem ein großer Bestandteil der alltäglichen Arbeit ist.
Alle Eltern haben auf dem Jugendhof Obermeyer eine feste Ansprechpartner*in, die als systemische Familienberater*in ausgebildet ist. Treffen finden je nach Bedarf mindestens alle 14 Tage statt und werden gemeinsam mit der Bezugsbetreuung geführt. So ist ein direkter Transfer von Beratung in Familie bzw. Gruppe gewährleistet. Darüber hinaus wird im Alltag zusätzlich Familienarbeit in Form von Telefonaten, Gesprächen mit den Eltern oder Gesprächen mit den Kindern geleistet. Ziel ist es, ein Vertrauensverhältnis zur Herkunftsfamilie aufzubauen bzw. aufrechtzuerhalten.
Dafür ist es wichtig die Eltern in ihrer Rolle wertzuschätzen und Verständnis für ihre Lebenssituation aufzubringen. In Anbetracht der besonderen Bedürfnisse von Kleinkindern nach Stabilität, Nähe und Kontinuität der Bezugspersonen für die Entwicklung eines sicheren Bindungsverhaltens ist die Familienarbeit in der Kleinkinder-Wohngruppe von großer Bedeutung. Der Aufbau einer sicheren Bindung von den Kindern zu ihren Eltern/ihrer Herkunftsfamilie ist zentral für eine langfristig stabile Beziehung und wird daher entsprechend gefördert.
Nach Möglichkeit werden die Eltern in den Alltag der Kinder miteinbezogen und bekommen in enger Absprache mit der Bezugsbetreuung und der zuständigen Familienberatung Erziehungsverantwortung zurückübertragen (z.B. Begleitung von Arztbesuchen).
Ziel ist es, Ressourcen bei den Eltern zu aktivieren und sie in ihrer Eigenverantwortung zu stärken, um so eine Rückbindung des Kindes in die Familie zu erreichen sowie das Beziehungsgeflecht innerhalb des Systems dauerhaft zu stärken. Alle Aktivitäten in Bezug auf die Familie werden daraufhin geprüft, ob sie einer Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern förderlich sind. In Kooperation mit der Herkunftsfamilie hilft der systemische Ansatz, familiäre Themen zu benennen, konstruktiv und lösungsorientiert zu arbeiten und brachliegende Ressourcen der Familie zu aktivieren.
Bei Verlust von Elternteilen oder anderen engeren Bezugspersonen durch Trennung, Scheidung, Tod oder körperlicher Nichtpräsenz (Abstinenz) wird zudem altersentsprechende Trauerarbeit geleistet.
Herausforderungen
Seit über sieben Jahren betreibt der Jugendhof Obermeyer Wohngruppen im U6-Bereich. Die Arbeit mit Kleinkindern in der stationären Jugendhilfe zeigt, dass eine ganzheitliche Entwicklungsförderung in einer Wohngruppe auch in diesem Alter möglich ist. Die Kinder können sich emotional und sozial auf die Maßnahme einlassen und daraus Nutzen ziehen. Dies gilt ebenso für das Herkunftssystem der Kinder.
Dennoch wurden in diesem Zeitraum auch Grenzen erkannt, die anschließend reflektiert und daraus Lehren gezogen wurden. Zu diesen Herausforderungen zählen unter anderem die kurzfristigen Aufnahmen im Rahmen von Inobhutnahmen aufgrund akuter Notlagen der Jugendämter. Dabei besteht das Risiko, Kinder aufzunehmen, die aufgrund der genannten Aspekte nicht optimal in das Unterstützungsangebot einer vollstationären Jugendhilfemaßnahme passen. Anhaltende Spannungen, die sich auch nach mehreren Wochen der Eingewöhnung nicht legen, verdeutlichen den pädagogischen Fachkräften, dass eine solche Situation für die kindliche Entwicklung nicht förderlich ist. Zwar bedeutet dies unter Umständen, dass erneut nach einer geeigneten Lösung für das Kind gesucht werden muss, jedoch kann auf Basis der fachlichen Einschätzung eine langfristige und passende Lösung entwickelt werden.