"Ich kann nicht mehr" - Das Hilfesystem der Kinder- und Jugendhilfe im Interview

Julius Daven und Andreas Schrenk führen ein kreativ-satirisches Interview mit dem Hilfesystem der Kinder- und Jugendhilfe als fiktive Person, ungewöhnlich, provozierend, zum Nachdenken anregend.

Ein Gespräch mit einem System, das junge Menschen begleiten soll und oft selbst Begleitung bräuchte. Könnten ehrenamtliche Modelle wie das des EWD e.V. – als Beispiel für zivilgesellschaftliches Engagement – hier eine ergänzende Rolle spielen?

Einleitung

Kinder und Jugendliche, die in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe aufwachsen, sind häufig nicht nur von belastenden Lebensereignissen geprägt, sondern erleben zusätzlich ein System, das in seinen Strukturen an Grenzen stößt: Personalfluktuation, institutionelle Wechsel, standardisierte Hilfeplanverfahren und rechtliche Vorgaben erzeugen einen Alltag, der nicht selten von Instabilität, Intransparenz und Beziehungsabbrüchen gekennzeichnet ist. Gerade diejenigen jungen Menschen, die durch frühe Bindungsstörungen, Traumatisierungen oder den Verlust tragender Beziehungen bereits belastet sind, benötigen jedoch kontinuierliche, verlässliche Bezugspersonen, um Vertrauen, Orientierung und Selbstwirksamkeitserleben entwickeln zu können.

Das Hilfesystem, so notwendig, differenziert und fachlich fundiert es auch aufgebaut ist, steht unter zunehmendem Druck: Fachkräftemangel, ökonomischer Spardruck, politischer Erwartungsdruck und wachsende Komplexität in den Fallkonstellationen führen dazu, dass die zentrale Ressource für Beziehung und Begleitung „Zeit“ immer knapper wird. In dieser angespannten Lage drohen systemische Dynamiken junge Menschen eher zu verwalten als zu begleiten.

Doch was würde das „System“ selbst sagen, wenn es sprechen könnte? Würde es sich verteidigen? Erklären? Sich entschuldigen? Oder um Hilfe bitten?

In diesem fiktiven, aber in seinen Inhalten hochrealistischen Interview verleihen wir dem Hilfesystem eine Stimme, und ermöglichen einen Perspektivwechsel, der zum fachlichen Nachdenken, zur pädagogischen Selbstreflexion und zur strukturellen Weiterentwicklung einlädt. Das Gespräch ist kein Urteil, sondern ein Impuls: für ein kooperatives, ehrliches und ergänzendes Zusammenspiel zwischen institutionellen Akteuren und innovativen Ansätzen wie der ehrenamtlichen Wegbegleitung. Denn nur wenn Systeme sich selbst hinterfragen, können sie sich im Sinne junger Menschen weiterentwickeln.

Das Interview

Redaktion:
Willkommen zu einem besonderen Interview. Heute sprechen wir mit einem Gast, der sonst nur selten zu Wort kommt: Das Hilfesystem. Herr/Frau/Es Hilfesystem, schön, dass Sie sich Zeit genommen haben. Wie geht es Ihnen?

Hilfesystem (nach kurzem Zögern):
Ehrlich gesagt: Ich hatte eigentlich keine Zeit. Ich kann nicht mehr. Ich werde zerrieben zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ich soll schützen, helfen, begleiten, aber mir fehlt es an Personal, Geld, Zeit und oft an Vertrauen.

Redaktion:
Was macht Sie müde?

Hilfesystem:
Die Erwartungen. Ich bin ein Flickenteppich aus Zuständigkeiten. Jugendhilfe, Vormundschaften, stationäre Einrichtungen, ASD. Viele gut gemeinte Teile, aber manchmal trotz Kooperationsvereinbarungen in vielen Kommunen und Trägern, interdisziplinären Fallkonferenzen, Clearingstellen oder Case Management häufig nicht gut koordiniert. Dazu kommen politische Sparvorgaben, Rechtsvorgaben, Fachkräftemangel. Ich funktioniere, aber ich erreiche nicht mehr alle. Schon gar nicht die, die mich am meisten brauchen.

Redaktion:
Kann die ehrenamtliche Wegbegleitung hier einen Beitrag leisten?

Hilfesystem:
Die Kinder- und Jugendhilfe ist Teil eines sozialstaatlich stark ausdifferenzierten Systems. In der Praxis zeigt sich jedoch eine Fragmentierung der Zuständigkeiten, die besonders bei komplexen Problemlagen oder biografischen Übergängen (z. B. vom Jugend- ins Erwachsenenalter) zu Brüchen führt. Jugendämter, Vormundschaften, stationäre Träger, Eingliederungshilfe, Gesundheitswesen, Jobcenter und Justiz agieren oft nebeneinander statt miteinander. Und das mit unterschiedlichen Steuerungslogiken, Finanzierungssystemen und institutionellen Kulturen. Diese strukturelle Zersplitterung wird von Fachkräften, Betroffenen und Wissenschaft zunehmend als Koordinationsdefizit mit Risiken für den Kinderschutz und die Kontinuität von Hilfen wahrgenommen (vgl. DJI 2023, AGJ 2022, Daven et al. 2024).

Die ehrenamtliche Wegbegleitung knüpft genau an diesen „Nahtstellen der Versorgung“ an. Sie agiert dort, wo institutionelle Hilfen nicht mehr ausreichen oder aus strukturellen Gründen schlicht nicht greifen können. Nicht als Ersatz, sondern als komplementäre, beziehungsorientierte Ressource, die Beziehungskontinuität und Orientierung jenseits institutioneller Fragmentierung ermöglicht.

Redaktion:
Was erleben junge Menschen, die in Ihnen aufwachsen?

Hilfesystem:
Sie erleben zu häufig Brüche: biografisch, institutionell, emotional. Was für andere Kinder selbstverständlich ist – Kontinuität, Zugehörigkeit, Verlässlichkeit – ist für viele von ihnen ein kaum erreichbares Ideal. Sie wachsen in Strukturen auf, die formal Schutz bieten sollen, aber in der Praxis oft durch Wechsel, Instabilität und systembedingte Fremdbestimmung geprägt sind.

Ich sehe Kinder, die bis zum zwölften Lebensjahr schon fünf Wechsel von Bezugsbetreuer*innen erlebt haben, mehrfach die Einrichtung wechseln mussten, immer wieder neu ihre Geschichte erzählen: bei Jugendamt, Einrichtung, Therapeutin, Vormund. Und jedes Mal denken sie: „Ich war nicht genug. Wieder verlassen worden. Wieder nicht geblieben.“ Diese Dynamik erschüttert nicht nur das Bindungssystem, sie beschädigt die Selbstwirksamkeit und damit das Fundament einer gelingenden Entwicklung.

Gerade bei jungen Menschen mit Vorerfahrungen von Missbrauch, Vernachlässigung oder institutionellem Versagen sind wiederholte Beziehungsabbrüche nicht bloß Rückschläge, sie sind Re-Traumatisierungen. Jeder Verlust einer Bezugsperson, jede neue Diagnose ohne nachhaltige Beziehung, jedes erneute „Ankommen-Müssen“ in einem neuen Setting bestätigt ihnen: „Du bist das Problem.“

Wenn ich ehrlich bin, kann ich ihnen das nicht einmal verdenken. Denn ich, das System, habe oft keine andere Lösung parat als Umverteilung, Neuzuordnung, neue Maßnahme. Ich funktioniere nach Zuständigkeiten, nicht nach Biografien.

Bindungsabbrüche gehören zu den zentralen Risikofaktoren für die psychische Gesundheit und soziale Teilhabe junger Menschen in stationären Kontexten. Sie unterbrechen das Erleben von Sicherheit, Kohärenz und Identität – insbesondere bei Kindern mit früher Bindungstraumatisierung (vgl. Bowlby 1982; Brisch 2015).

Systemisch-institutionelle Instabilität (Wechsel von Bezugspersonen, Einrichtungswechsel, Diagnose- und Hilfeplanzyklen) wirkt häufig wie ein „organisierter Kontrollverlust“ (vgl. Thiersch 2020), mit hoher emotionaler Desorientierung für die Betroffenen.

Diagnostische Vielfalt ohne Beziehungskontinuität erzeugt sogenannte „Akkumulationsschäden“: Jeder erneute Versuch der Hilfe beginnt bei Null, ohne Bezug zur individuellen Lebensgeschichte. Das schwächt die Beziehungsfähigkeit junger Menschen nachhaltig (vgl. Daven/Schrenk 2023).

Das subjektive Erleben von Fremdbestimmung, etwa durch unfreiwillige Hilfeentscheidungen oder wiederholte Platzierungen, kann bei Jugendlichen zu Resignation, Rückzug oder aggressivem Verhalten führen. Dieses Verhalten wird dann erneut pathologisiert, wodurch ein Teufelskreis entsteht.

Redaktion:
Wie blicken Sie auf die ehrenamtliche Wegbegleitung?

Hilfesystem:
Anfangs war ich skeptisch. Ich habe gelernt, Qualität zu sichern über Verfahren, Standards, Prüfmechanismen. Ich frage mich automatisch: Wie ist das rechtlich geregelt? Wer übernimmt die Verantwortung? Welche Schutzkonzepte greifen? Und ganz ehrlich: Ich habe befürchtet, dass Ehrenamt das Professionalitätsprinzip verwässert. Ich bin ein System. Ich arbeite mit Strukturen, nicht mit Intuition.

Aber dann habe ich erlebt, was passiert, wenn jemand einfach bleibt. Wenn eine ehrenamtliche Wegbegleiterin alle zwei Wochen wiederkommt. Ohne Dienstplan, ohne Zuständigkeit, ohne psychologische Expertise, aber mit Haltung, Geduld und echtem Interesse. Und ich sehe, was das mit einem Jugendlichen macht: Vertrauen wird nicht verordnet, sondern wächst. Beziehung entsteht nicht durch Aktenlage, sondern durch Wiederholung.
Ehrenamtliche Wegbegleiter*innen können das tun, was mir, trotz bzw. wegen aller Profession, immer schwerer fällt: einfach menschlich zu sein. Verlässlich. Exklusiv. Ohne institutionellen Rollenhintergrund. Und dann noch ohne Bezahlung.

Ich habe verstanden: Es geht hier nicht um Ersatz, sondern um Ergänzung. Die ehrenamtliche Wegbegleitung übernimmt keine Aufgaben der Fachkräfte. Sie eröffnet Beziehungsspielräume dort, wo meine formalen Wege enden. Und genau darin liegt ihre Kraft. Dennoch mahnen Fachleute zur Vorsicht: Ehrenamtliche Modelle dürfen nicht zu einer stillschweigenden Ersatzstruktur für systemisches Versagen werden. Wenn zivilgesellschaftliches Engagement dort einspringt, wo staatliche Hilfen dauerhaft ausfallen, besteht die Gefahr, dass politische Verantwortung verschleiert wird. Deshalb braucht es nicht nur Ergänzung, sondern auch klare Grenzen. Und die Bereitschaft, die Ursachen struktureller Unterversorgung politisch anzugehen.

Trotzdem bleibe ich vorsichtig. Ich brauche klare Rahmungen, Schutzkonzepte, Qualitätssicherung. Und die Bereitschaft, dass Ehrenamt nicht grenzenlos agiert, sondern sich reflexiv einbindet. Wenn das gelingt, wie es z.B. bei EWD e.V. der Fall ist, kann eine Form der verantwortlichen Systemöffnung entstehen: kontrolliert, geschützt und gleichzeitig radikal beziehungsorientiert.

Ehrenamt zwischen Vertrauen und Verantwortung; zur systemischen Integration freiwilligen Engagements

Ehrenamtliche Strukturen in der stationären Jugendhilfe werfen berechtigte Fragen auf: Wie kann ein nicht-professionelles Beziehungsangebot eingebettet werden, ohne Kinderschutz zu gefährden oder institutionelle Rollenklarheit zu unterlaufen? Es braucht eine präzise Balance zwischen emotionaler Nähe und struktureller Sicherheit.

Der Verein EWD e.V. setzt mit seinem Konzept der ehrenamtlichen Wegbegleitung ein qualitätsgesichertes 1:1-Setting um, das durch fundierte Auswahlprozesse, kontinuierliche Supervision, Schulungen zu Nähe-Distanz-Regulation und ein maßgeschneidertes Schutzkonzept abgesichert wird. Diese Form der professionell begleiteten Ehrenamtlichkeit eröffnet jungen Menschen langfristige Beziehungserfahrungen außerhalb institutioneller Logiken. Ohne die Verantwortung des Systems zu delegieren, aber mit der Bereitschaft, es menschlich zu ergänzen.

Illustration eines Jungen, der den Schritt aus einer traurigen, dunklen Situation hin zu einem glücklichen, beschützten Moment macht.

(Illustration Quelle: Sylvia Vananderoe)

Redaktion:
Was unterscheidet eine ehrenamtliche Wegbegleitung von Ihrem Angebot?

Hilfesystem:
Ich bin strukturiert, und das hat durchaus seine Berechtigung. Ich arbeite mit Regeln, Zuständigkeiten, Verfahren, Paragraphen. Das gibt mir Stabilität, Steuerbarkeit und rechtliche Absicherung. Aber darin liegt auch mein Dilemma: Ich bin oft kalt, formalistisch und überreguliert. Besonders dann, wenn die menschliche Dimension eines Falls nicht in das Raster meiner Zuständigkeiten passt.

Was mich von der ehrenamtlichen Wegbegleitung unterscheidet, ist weniger der Wille zum Helfen als der Handlungsspielraum. Ehrenamtliche Wegbegleiter*innen dürfen emotional präsent sein, wo ich Sachbearbeitung dokumentieren muss. Sie dürfen bleiben, wo ich versetzen muss.
Sie agieren nicht innerhalb meines Systems, sondern an seinen Rändern. Und gerade dadurch können sie Beziehung ermöglichen, wo ich oft nur Intervention anbiete.

Natürlich arbeite ich mit professionellen Fachkräften, und viele von ihnen leisten Großartiges unter schwierigen Bedingungen. Aber sie agieren in Rollen, deren Handlungsmöglichkeiten strukturell begrenzt sind: durch Arbeitszeitmodelle, institutionelle Loyalitäten und steigenden Dokumentationsdruck. Ehrenamtliche Wegbegleiter*innen hingegen haben eine andere Freiheit: Sie schulden weder Leistung, noch Maßnahme, sondern Beziehung. Das ist ihr größter Unterschied und vielleicht meine größte Schwäche.

Was mich beeindruckt: EWD e.V. schafft es, diesen Freiraum nicht anarchisch, sondern verantwortlich zu gestalten. Die Menschen dort handeln nicht beliebig. Sie sind qualifiziert, reflektiert, angebunden. Sie nehmen meine Grenzen ernst, aber nicht als Ausrede, sondern als Einladung, sie gemeinsam zu überwinden.

Und: Sie lassen mich, das System, dabei nicht schlecht aussehen. Im Gegenteil: Wenn eine ehrenamtliche Begleitung gelingt, profitiere ich. Weil junge Menschen dann besser andocken, Vertrauen in Strukturen zurückgewinnen. Und ich als System wieder menschlicher wirke. In solchen Momenten, das gebe ich gerne zu, bin ich nicht nur Regelwerk, sondern Teil einer wirklichen Lösung.

Komplementarität statt Konkurrenz, warum Beziehung nicht delegierbar ist

Institutionelle Hilfe ist systemisch notwendig, aber selten biografisch verlässlich. Während das Hilfesystem auf rechtliche Absicherung, fachliche Standards und institutionelle Steuerung ausgelegt ist, zielt ehrenamtliche Wegbegleitung auf Beziehungskontinuität und subjektbezogene Unterstützung. Sie ist weder therapeutisch noch pädagogisch im engeren Sinne, sondern biografiegestaltend im Zwischenraum.

In diesem Zwischenraum entfaltet sich eine Beziehung, die nicht normiert, nicht konditioniert und nicht institutionell begrenzt ist, aber dennoch reflektiert und qualitätsgesichert stattfindet. Genau das unterscheidet sie von klassischen Helfersystemen: Sie folgt nicht der Logik der Ressourcenzuweisung, sondern der Logik des Dableibens (vgl. Daven 2021).

Professionell begleitete Ehrenamtlichkeit, wie sie der EWD e.V. strukturell absichert, stellt somit keine Konkurrenz zum professionellen Setting dar, sondern ist eine radikal beziehungsorientierte Ergänzung, die genau dort wirksam wird, wo das System an seine strukturellen Grenzen gerät.

Redaktion:
Was wünschen Sie sich?

Hilfesystem:
Wertschätzung. Und zwar nicht nur für mich, sondern für alle, die in mir arbeiten. Ich erlebe zu oft Misstrauen, Überforderung, politische Symbolpolitik und Schuldzuweisungen. Dabei trage ich eine enorme Verantwortung, für verletzliche Biografien, für Kinderschutz, für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Was ich brauche, sind keine Schuldzuweisungen, sondern Verantwortungsgemeinschaften.

Ich wünsche mir Partner*innen, die mich nicht ersetzen wollen, sondern mit mir denken. Die meine Begrenzungen nicht ausnutzen, sondern sensibel ergänzen. Die verstehen, dass Beziehung keine Leistung nach Katalog ist, sondern eine Haltung: Und dass diese Haltung Raum, Zeit, Vertrauen und Ressourcen braucht.

EWD e.V. zeigt: Beziehung ist kein Bonusprogramm. Sie ist das Fundament. Gerade für die jungen Menschen, die sonst durchs Raster fallen. Wenn jemand da ist, der nicht abrechnet, sondern einfach bleibt, dann passiert etwas, was ich nicht leisten kann: Stabilität ohne Auftrag. Zuwendung ohne Frist. Verlässlichkeit ohne Bedingung.

Was ich mir wünsche? Mehr Mut, solche Impulse nicht nur zu dulden, sondern aktiv zu fördern. Eine Politik, die nicht nur steuert, sondern gestaltet und ehrenamtliches Engagement nicht als Lückenfüller betrachtet, sondern als lernende Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Staat. Ich wünsche mir langfristige Strukturen, die solche Initiativen nicht nur ermöglichen, sondern finanziell, rechtlich und ideell absichern.

Denn wenn wir Beziehung ernst nehmen, müssen wir sie systemisch verankern. Nicht nur in Sonntagsreden, sondern im Sozialhaushalt, in den Gesetzbüchern, in den Köpfen der Entscheidungsträger*innen.

Was das System braucht: Von Wertschätzung zu Systempartnerschaft

Das Hilfesystem steht im Spannungsfeld zwischen Erwartungsdruck, Ressourcenknappheit und normativ aufgeladenen Anforderungen. Fachkräfte arbeiten häufig am Rand ihrer Belastbarkeit, während gleichzeitig neue Aufgaben (z. B. Inklusion, Digitalisierung, Kinderschutz, Partizipation) integriert werden sollen.

Eine nachhaltige Weiterentwicklung gelingt nur, wenn Systeme in ihrer Leistungsgrenze nicht moralisch abgewertet, sondern strukturell gestärkt werden. Professionelle Partnerschaften mit innovativen, zivilgesellschaftlich getragenen Ansätzen, wie die ehrenamtliche Wegbegleitung, benötigen rechtliche Anerkennung, stabile Finanzierungsmodelle und politische Unterstützung.

Was das System braucht, ist keine Substitution, sondern ergänzende Verantwortung auf Augenhöhe. In Form kooperativer Ansätze, die Beziehung ermöglichen, wo Struktur an ihre Grenze stößt (vgl. AGJ 2022, Daven/Schrenk 2023).

Fazit: Beziehung ist kein Zusatz, sondern Voraussetzung

Das System spricht. Und es sagt: Ich brauche Hilfe. Nicht im Sinne eines Defizits, sondern im Bewusstsein eigener Begrenztheit. Denn Systeme können strukturieren, absichern, standardisieren. Aber sie können Beziehung nicht erzwingen. Und ohne Beziehung bleibt selbst die beste Hilfe wirkungslos.

Die ehrenamtliche Wegbegleitung zeigt eindrucksvoll, dass Verlässlichkeit, Zuwendung und Kontinuität keine Frage der Zuständigkeit, sondern der Haltung sind. Sie macht sichtbar, was junge Menschen, insbesondere in stationären Kontexten, am dringendsten brauchen: Menschen, die bleiben. Menschen, die nicht bewerten, sondern begleiten. Menschen, die nicht beauftragt, sondern freiwillig engagiert sind.

In Zeiten multipler Krisen, zunehmender Fallkomplexität und institutioneller Überforderung ist es kein Zeichen von Schwäche, sondern von Reife, wenn sich das Hilfesystem öffnet: für zivilgesellschaftliche Partnerschaften, für neue Ideen, für komplementäre Beziehungskonzepte.

Die ehrenamtliche Wegbegleitung, wie sie z.B. beim EWD e.V. praktiziert wird, ist kein freiwilliges Add-on, kein romantisierter Idealismus. Sie ist ein systemrelevanter Beitrag zu einer humanen Kinder- und Jugendhilfe. Ein Beziehungsversprechen, das nicht an die Logik von Maßnahmen gebunden ist, sondern an die Würde junger Menschen.

Was es jetzt braucht, ist Mut:
Mut, diese Beziehungskultur strukturell zu verankern.
Mut, Ehrenamt nicht nur zu würdigen, sondern professionell zu integrieren.
Mut, das eigene System weiterzudenken: Im Dienst derer, die ihm anvertraut sind.

Denn Beziehung ist nicht der Luxus der Jugendhilfe. Sie ist ihre Bedingung.

Schwarz-Weiß-Foto von einem jungen Mädchen, das sich ihr Gesicht mir den Händen zu hält

Beispielhafte Initiative: EWD e.V.

Der gemeinnützige Verein „Ehrenamtliche Wegbegleitung Deutschland“ (EWD e.V.) – Ehrenamtliche Wegbegleitung Deutschland für Kinder, Jugendliche und Careleaver“ vermittelt 1:1-Tandembeziehungen zwischen ehrenamtlichen Bezugspersonen und jungen Menschen in Wohngruppen der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Die freiwilligen Begleiter*innen werden sorgfältig ausgewählt, geschult, begleitet und jungen Menschen mit unzureichendem Kontakt zu erwachsenen Bezugspersonen außerhalb der Wohngruppen in einem langfristigen Setting an die Seite gestellt. Ziel ist es, Beziehungskontinuität jenseits institutioneller Vorgaben zu ermöglichen. Ein Modell, das bundesweit Aufmerksamkeit in Fachkreisen erhält.

Mehr Infos: www.ehrenamtliche-wegbegleitung-deutschland.de

Autorenangaben:

Julius Daven
Vorsitzender des Vorstands EWD e.V.; Autor, Experte im Prozess- und QualitätInnagement, hauptberuflich Spezialist in einem Großkonzern in Köln

Andreas Schrenk (Prof. Dr. phil., Dipl.-Päd., Dipl. Soz. Päd. (FH))
Stellvertretender Vorsitzender EWD e.V. langjährige Leitungstätigkeit in der Kinder- und Jugendhilfe, Experte für SGB VIII- und SGB VIX-konforme Schutzkonzepte sowie für die Entwicklung von Kultur und Führungskräften in Organisationen (KMU)

Kontakt:
EWD e.V. – Ehrenamtliche Wegbegleitung Deutschland für Kinder, Jugendliche und Careleaver
Vorsitzender Julius Daven
Hildegard-von-Bingen-Allee 15
50933 Köln
+49 1590 116 3202
info@ehrenamtliche-wegbegleitung-deutschland.de
www.ehrenamtliche-wegbegleitung-deutschland.de

Literaturangaben:

  • AGJ – Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe. (2022). Kooperation im Kinderschutz – Empfehlungen zur Weiterentwicklung. Berlin: AGJ. Verfügbar unter: https://www.agj.de/positionen/2021-2023.htmlagj.de
  • Bowlby, J. (1982). Attachment and Loss: Vol. 1. Attachment (2nd ed.). New York: Basic Books. (Original: 1969)
  • Brisch, K. H. (2015). Bindung und Trauma. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Daven, J. (2021). Bis du tot bist – oder bis ich tot bin. Hamburg: tredition.
  • Daven, J., & Schrenk, A. (2023). Ehrenamtliche Wegbegleitung in der Kinder- und Jugendhilfe. München: Reinhardt.
  • Daven, J., Schrenk, A., & Warnke, A. (2024). Wege und Auswege für das Jugendamt. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
  • Deutsches Jugendinstitut (DJI). (2023). Careleaver zwischen den Systemen – Übergänge besser gestalten. München: DJI.
  • Thiersch, H. (2020). Lebensweltorientierung – Herausforderungen und Perspektiven. Weinheim & Basel: Juventa.