Einleitung
Kinder und Jugendliche, die in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe aufwachsen, sind häufig nicht nur von belastenden Lebensereignissen geprägt, sondern erleben zusätzlich ein System, das in seinen Strukturen an Grenzen stößt: Personalfluktuation, institutionelle Wechsel, standardisierte Hilfeplanverfahren und rechtliche Vorgaben erzeugen einen Alltag, der nicht selten von Instabilität, Intransparenz und Beziehungsabbrüchen gekennzeichnet ist. Gerade diejenigen jungen Menschen, die durch frühe Bindungsstörungen, Traumatisierungen oder den Verlust tragender Beziehungen bereits belastet sind, benötigen jedoch kontinuierliche, verlässliche Bezugspersonen, um Vertrauen, Orientierung und Selbstwirksamkeitserleben entwickeln zu können.
Das Hilfesystem, so notwendig, differenziert und fachlich fundiert es auch aufgebaut ist, steht unter zunehmendem Druck: Fachkräftemangel, ökonomischer Spardruck, politischer Erwartungsdruck und wachsende Komplexität in den Fallkonstellationen führen dazu, dass die zentrale Ressource für Beziehung und Begleitung „Zeit“ immer knapper wird. In dieser angespannten Lage drohen systemische Dynamiken junge Menschen eher zu verwalten als zu begleiten.
Doch was würde das „System“ selbst sagen, wenn es sprechen könnte? Würde es sich verteidigen? Erklären? Sich entschuldigen? Oder um Hilfe bitten?
In diesem fiktiven, aber in seinen Inhalten hochrealistischen Interview verleihen wir dem Hilfesystem eine Stimme, und ermöglichen einen Perspektivwechsel, der zum fachlichen Nachdenken, zur pädagogischen Selbstreflexion und zur strukturellen Weiterentwicklung einlädt. Das Gespräch ist kein Urteil, sondern ein Impuls: für ein kooperatives, ehrliches und ergänzendes Zusammenspiel zwischen institutionellen Akteuren und innovativen Ansätzen wie der ehrenamtlichen Wegbegleitung. Denn nur wenn Systeme sich selbst hinterfragen, können sie sich im Sinne junger Menschen weiterentwickeln.
Das Interview
Redaktion:
Willkommen zu einem besonderen Interview. Heute sprechen wir mit einem Gast, der sonst nur selten zu Wort kommt: Das Hilfesystem. Herr/Frau/Es Hilfesystem, schön, dass Sie sich Zeit genommen haben. Wie geht es Ihnen?
Hilfesystem (nach kurzem Zögern):
Ehrlich gesagt: Ich hatte eigentlich keine Zeit. Ich kann nicht mehr. Ich werde zerrieben zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ich soll schützen, helfen, begleiten, aber mir fehlt es an Personal, Geld, Zeit und oft an Vertrauen.
Redaktion:
Was macht Sie müde?
Hilfesystem:
Die Erwartungen. Ich bin ein Flickenteppich aus Zuständigkeiten. Jugendhilfe, Vormundschaften, stationäre Einrichtungen, ASD. Viele gut gemeinte Teile, aber manchmal trotz Kooperationsvereinbarungen in vielen Kommunen und Trägern, interdisziplinären Fallkonferenzen, Clearingstellen oder Case Management häufig nicht gut koordiniert. Dazu kommen politische Sparvorgaben, Rechtsvorgaben, Fachkräftemangel. Ich funktioniere, aber ich erreiche nicht mehr alle. Schon gar nicht die, die mich am meisten brauchen.
Redaktion:
Kann die ehrenamtliche Wegbegleitung hier einen Beitrag leisten?
Hilfesystem:
Die Kinder- und Jugendhilfe ist Teil eines sozialstaatlich stark ausdifferenzierten Systems. In der Praxis zeigt sich jedoch eine Fragmentierung der Zuständigkeiten, die besonders bei komplexen Problemlagen oder biografischen Übergängen (z. B. vom Jugend- ins Erwachsenenalter) zu Brüchen führt. Jugendämter, Vormundschaften, stationäre Träger, Eingliederungshilfe, Gesundheitswesen, Jobcenter und Justiz agieren oft nebeneinander statt miteinander. Und das mit unterschiedlichen Steuerungslogiken, Finanzierungssystemen und institutionellen Kulturen. Diese strukturelle Zersplitterung wird von Fachkräften, Betroffenen und Wissenschaft zunehmend als Koordinationsdefizit mit Risiken für den Kinderschutz und die Kontinuität von Hilfen wahrgenommen (vgl. DJI 2023, AGJ 2022, Daven et al. 2024).
Die ehrenamtliche Wegbegleitung knüpft genau an diesen „Nahtstellen der Versorgung“ an. Sie agiert dort, wo institutionelle Hilfen nicht mehr ausreichen oder aus strukturellen Gründen schlicht nicht greifen können. Nicht als Ersatz, sondern als komplementäre, beziehungsorientierte Ressource, die Beziehungskontinuität und Orientierung jenseits institutioneller Fragmentierung ermöglicht.
Redaktion:
Was erleben junge Menschen, die in Ihnen aufwachsen?
Hilfesystem:
Sie erleben zu häufig Brüche: biografisch, institutionell, emotional. Was für andere Kinder selbstverständlich ist – Kontinuität, Zugehörigkeit, Verlässlichkeit – ist für viele von ihnen ein kaum erreichbares Ideal. Sie wachsen in Strukturen auf, die formal Schutz bieten sollen, aber in der Praxis oft durch Wechsel, Instabilität und systembedingte Fremdbestimmung geprägt sind.
Ich sehe Kinder, die bis zum zwölften Lebensjahr schon fünf Wechsel von Bezugsbetreuer*innen erlebt haben, mehrfach die Einrichtung wechseln mussten, immer wieder neu ihre Geschichte erzählen: bei Jugendamt, Einrichtung, Therapeutin, Vormund. Und jedes Mal denken sie: „Ich war nicht genug. Wieder verlassen worden. Wieder nicht geblieben.“ Diese Dynamik erschüttert nicht nur das Bindungssystem, sie beschädigt die Selbstwirksamkeit und damit das Fundament einer gelingenden Entwicklung.
Gerade bei jungen Menschen mit Vorerfahrungen von Missbrauch, Vernachlässigung oder institutionellem Versagen sind wiederholte Beziehungsabbrüche nicht bloß Rückschläge, sie sind Re-Traumatisierungen. Jeder Verlust einer Bezugsperson, jede neue Diagnose ohne nachhaltige Beziehung, jedes erneute „Ankommen-Müssen“ in einem neuen Setting bestätigt ihnen: „Du bist das Problem.“
Wenn ich ehrlich bin, kann ich ihnen das nicht einmal verdenken. Denn ich, das System, habe oft keine andere Lösung parat als Umverteilung, Neuzuordnung, neue Maßnahme. Ich funktioniere nach Zuständigkeiten, nicht nach Biografien.