Ambulante Hilfen als Königsdisziplin der Sozialen Arbeit im Spannungsfeld von Qualitätsanspruch und strukturellen Herausforderungen

Die Ambulanten Hilfen – eine unterschätzte Königsdisziplin der sozialen Arbeit

Ambulante Hilfen zur Erziehung stellen einen unverzichtbaren Baustein im System der Kinder- und Jugendhilfe dar. Als aufsuchende Unterstützungsform arbeiten Fachkräfte direkt im Lebensumfeld der Familien und leisten dort, wo die Probleme entstehen, wertvolle Hilfe zur Selbsthilfe. Sie sind bestrebt, die meist mehrfach massiv belasteten Familien in prekären Lebenslagen im Blick auf ihre unmittelbaren Bedarfe dahingehend zu unterstützen, dass den Kindern ein gutes Aufwachsen in ihren Familien gelingt und somit Fremdunterbringungen vermieden werden. Diese „Arbeit auf fremdem Platz unter fremden Bedingungen” stellt besondere Anforderungen an die fachlichen und persönlichen Kompetenzen der Mitarbeitenden und kann zu Recht als „Königsdisziplin der sozialen Arbeit” bezeichnet werden.

Trotz dieser hohen Bedeutung kämpfen Ambulante Hilfen seit Jahren um angemessene Rahmenbedingungen, eine auskömmliche Finanzierung und fachliche Anerkennung. Der VPK-Bundesverband e.V. hat daher im vergangenen Jahr beschlossen, die Arbeit und die Angebote im Bereich der Ambulanten Hilfen innerhalb des Verbandes auszubauen und zu stärken. Die verbandsinterne und bundesweit agierende AG Ambulante Hilfen strukturierte sich vor diesem Hintergrund neu und wirbt für eine engere Zusammenarbeit zwischen den Trägern Ambulanter Hilfen und eine engere Kooperation mit den öffentlichen Trägern der Kinder- und Jugendhilfe.

Zentrale Herausforderungen in der Ambulanten Kinder- und Jugendhilfe

Im Sommer letzten Jahres initiierte die AG eine interne Online-Befragung mit 51 teilnehmenden Trägern zur Situation der Ambulanten Hilfen, um sich einen Überblick darüber zu verschaffen, an welchen Themen gemeinsam gearbeitet werden sollte. Die Auswertungen der Online-Befragung zum Handlungsfeld der Ambulanten Hilfen im VPK hat ergeben, dass die Mehrheit der Teilnehmenden an der Qualitätsentwicklung in der Zusammenarbeit mit den örtlichen Jugendämtern interessiert ist. Aber auch die Erstellung von Schutzkonzepten, die Ausgestaltung inklusiver ambulanter Angebote oder die Vereinheitlichung von Verfahrensregelungen und Finanzierungs-Modalitäten sind den Beteiligten wichtige Anliegen. Die Online-Befragung des VPK hat u.a. die zentralen Herausforderungen im Bereich der Ambulanten Hilfen der Kinder- und Jugendhilfe deutlich gemacht:

  • Uneinheitliche Finanzierungs- und Abrechnungsmodalitäten: Häufig wird die Finanzierung Ambulanter Hilfen, welche stets mit erheblichem Beendigungsdruck verbunden ist, nicht in ausreichendem Umfang gewährt, was immer zu Lasten der leistungsberechtigten jungen Menschen und ihrer Familien geht. Gleichzeitig folgen die öffentlichen Leistungsträger einer linearen Qualitätslogik innerhalb der Hilfeplanung und des Hilfeprozesses, welche einer wünschenswerten systemischen Ausbildung und den systemischen Qualitätsgrundlagen innerhalb der Ambulanten Hilfen entgegensteht.

    Die uneinheitliche Gestaltung und Vergütung von Fachleistungsstunden führen zu erheblichen Unterschieden in der Refinanzierung Ambulanter Hilfen. In manchen Bundesländern existieren bis zu 18 verschiedene Abrechnungsmodelle bei nur 20 Trägern. Die Fachleistungsstunde als Abrechnungseinheit wird unterschiedlich definiert (40, 45, 48 oder 60 Minuten) und mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt.

  • Fehlende Rahmenvereinbarungen und Schiedsstellenfähigkeit: Anders als bei stationären Hilfen gibt es für ambulante Angebote in vielen Bundesländern keine verbindlichen Rahmenvereinbarungen. Auf der kommunalen Ebene haben sich Verfahren etabliert, die in keiner Weise miteinander vergleichbar sind und teilweise horrende Dumpingpreise und daraus resultierend mangelnde Qualität der Hilfen nach sich ziehen. Bei Dissens zwischen Leistungsträgern und Leistungserbringern kann keine Schiedsstelle angerufen werden. Hier besteht dringender politischer Handlungsbedarf, wenn aufsuchende Hilfen die Familien wirklich erreichen sollen.

  • Fachkräftebedarf und Qualifikationsfragen: In den vergangenen Jahren nahmen die Meldungen von Kindeswohlgefährdungen stetig zu. Sie stehen in einem Zusammenhang mit einem deutlichen Ausbau von aufsuchenden Erziehungshilfen. Problematisch ist, dass es von der wirtschaftlichen Situation der Kommunen abzuhängen scheint, wie die aufsuchenden Hilfen ausgestaltet sind und es in der Praxis auch bei Kinderschutzfällen eher zu einer Erhöhung der Fälle pro Fachkraft und einer massiven Reduzierung von Stundenkontingenten kommt, anstatt die Hilfen auskömmlich auszugestalten.
    Der Fachkräftemangel stellt Träger der Ambulanten Hilfen vor existenzielle Herausforderungen. Die Diskussion um „alternative Fachkräfte” und die Anerkennung verschiedener Qualifikationswege ist angesichts des akuten Fachkräftebedarfs dringender denn je.

  • Kooperationsprobleme zwischen den Trägern der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe: Die Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern und Trägern der freien Kinder- und Jugendhilfe ist häufig belastet durch Personalmangel, unterschiedliche Erwartungen und unklare Zuständigkeiten. Die Kooperationsprobleme wirken sich direkt auf die Qualität der Hilfen aus.

  • Zunehmende Komplexität bei steigendem Kostendruck: Die Problemlagen in Familien werden komplexer, während gleichzeitig der Kostendruck steigt und Stundenkontingente reduziert werden. Grundlage einer qualifizierten Leistungserbringung ist eine Finanzierung, die ein wirtschaftliches Arbeiten der Leistungserbringenden ermöglicht, sowie ein partnerschaftlich und auf Augenhöhe geführter Aushandlungsprozess zwischen öffentlicher und freier Jugendhilfe zu Leistung, Qualität und Vergütung.

Die aktuelle Situation Ambulanter Hilfen

Herausforderungen durch das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG)

Seit dem Inkrafttreten des Kinder- und Jugendstärkungsgesetzes (KJSG) am 10. Juni 2021 stehen Ambulante Hilfen vor weiteren Herausforderungen in der Praxis mit den Leistungsträgern. Die neuen Regelungen zur Prävention und der Bereitstellung früher Hilfen sollen Familien in belastenden Situationen frühzeitig unterstützen und schwerwiegenderen Konfliktsituationen entgegenwirken. In der Praxis führt dies jedoch zu Spannungen mit den Leistungsträgern. Dazu zählen z.B. die Aushandlung von Entgelten und das Ringen um Fachleistungsstunden, deren Gewährung sich lokal erheblich unterscheiden. Das Vorgehen der unterschiedlichen Leistungsträger ist nicht immer nachvollziehbar und wenig transparent.

Die Ambulanten Hilfen ringen seit Jahren um ihre Legitimation und werden fälschlicherweise immer wieder in Konkurrenz und in den Abgleich mit fallunspezifischen Angeboten gesetzt. Fallunspezifische Angebote haben jedoch andere Aufgaben und Zielsetzungen als die Ambulanten Hilfen und sind daher nicht zu vergleichen oder durch das jeweilig andere Angebot zu ersetzen. Vielmehr stellen sie sich als ergänzende Hilfen mit jeweils eigenem Fokus und Wirkungskreis dar.

Qualitätskriterien für wirksame ambulante Hilfen

Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) hat sich als wertvoller Partner für die Anliegen der Ambulanten Hilfen erwiesen. Die DGSF hat als systemischer Fachverband einen besonderen Blick auf die kontextuellen Bedingungen gelingender aufsuchenden Hilfen in Familien geworfen. Es sind verschiedenste Berufsgruppen in dem Handlungsfeld tätig, die Inhalte der Qualifizierungen sind nicht strukturell einheitlich standardisiert, überwiegend fehlen Qualitätsstandards überhaupt.

Mit ihrer Veranstaltungsreihe „Hingeschaut!” hat die DGSF wichtige Impulse gesetzt und im Oktober 2024 Qualitätskriterien für aufsuchende Familientherapie und Sozialpädagogische Familienhilfe mit dem Ziel verabschiedet, eine wesentlich höhere Aufmerksamkeit der Fachöffentlichkeit und der Politik für den Zusammenhang von Qualität und Wirksamkeit zu erreichen, perspektivisch eine Verbesserung der kontextuellen Bedingungen von Fachkräften herbeizuführen und damit einhergehend eine Verbesserung der Qualität der Arbeit mit den Familien. Mit den von Seiten der DGSF erarbeiteten Qualitätskriterien will der Fachverband zu einer notwendigen Etablierung bundeseinheitlicher Qualitätsstandards für die Aufsuchende Familientherapie (AFT) und der systemisch-orientierten sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) beitragen.

Diese Qualitätskriterien betonen unter anderem folgende Aspekte:

Haltung der Fachkräfte:

  • Respekt für die Autonomie der Adressat*innen
     
  • Die Sichtweisen der adressierten jungen Menschen und ihrer Familien stehen im Mittelpunkt.
     
  • Neugier, Wertschätzung und professionelles Nichtwissen im Sitte eines "fragenden Verstrhens"
  • Respekt für Lebensleistungen und Belastungen der Familien. Die Fachkräfte respektieren die Lebensleistungen, würdigen die Belastungen der Familien und setzen an den vorhandenen Ressourcen der einzelnen Familienmitglieder an.

  • Aktuelle Familiendynamisken werden zirkulär im Zusammenhang von familialen Vermächtnissen, Botschaften und Aufträgen im Mehrgenerationenkontext betrachtet.

  • Sensibilität für gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Methodisches Vorgehen:

  • Die Fachkräfte sind für die Schutzbedürfnisse der Familie sensibilisiert, sie nutzen und respektieren die heimische Wohnung als deren sicheren Ort.

     
  • Es wird an den individuellen Lösungsideen und Kompetenzen der Familien angesetzt und die Selbstwirksamkeit gestärkt.
     
  • Fachkräfte sind in der Lage, in Zwangskontexten im Kinderschutz konstruktiv mit Widerständen von Familien umzugehen und handeln in Transparenz den Eltern und Kinden und Auftraggebenden gegenüber.

  • Arbeit mit der Familie im Mehrpersonensetting. Die Fachkräfte arbeiten in der Regel mit der Familie im Mehrpersonensetting "Eltern - Kinder" und beziehen die sozialen Systeme der Familie mit ein.

Rahmenbedingungnen für qualitativ hochwertige Ambulante Hilfen

  • Regelmäßige Supervision und Reflexion
     
  • Angemessene Vergütung auf Grundlage einer Leistungsvereinbarung
     
  • Sorgfältige Dokumentation und Evaluation
     
  • Co-Arbeit bei komplexen Fällen

Der VPK schließt sich dem Aufruf der DGSF an, die Qualitätsoffensive innerhalb der Ambulanten Hilfen gemeinsam voranzubringen, öffentlich zu machen und sich dafür einzusetzen, die Rahmenbedingungen und Finanzierungen in diesem Bereich endlich zu verbessern - nicht zuletzt auch, um wieder mehr Fachkräfte für diese Art von Hilfen zu gewinnen und auf diesem Wege den erforderlichen Fachkräftebedarf qualitativ und quantitativ abdecken zu können.

 

Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse: Die ASUEVA-Studie

Die von Prof. Dr. Holger Ziegler und Barbara Richters (Universität Bielefeld) durchgeführte ASUEVA-Studie (Studie zu aufsuchender systemischer Arbeit in Familien in der Jugendhilfe mit einer Laufzeit von Herbst 2021 bis Winter 2025/26) liefert wichtige Erkenntnisse zur Wirksamkeit Ambulanter Hilfen. Die Studie umfasste über 250 Einrichtungen und mehr als 700 Teilnehmer*innen und untersuchte unter anderem die Subjektorientierung in der sozialen Arbeit, die Deutung systemischer Ausrichtung und die Arbeitszufriedenheit von Fachkräften.

Ein zentrales Ergebnis der Zwischenergebnisse ist, dass die Arbeitszufriedenheit und Kompetenzwahrnehmung der Fachkräfte statistisch signifikant mit ihren Deutungen und Adressatenbildern zusammenhängen. Die Untersuchung zeigt auch, dass die Subjektorientierung oft von formalen Strukturen und institutionellen Vorgaben überschattet wird.

Die Studie betont die Bedeutung einer stärkeren Orientierung an den Vorschlägen und Deutungen der Adressaten, was die Verantwortung und Bereitschaft der Adressaten erhöhen könnte. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit einer systemischen Ausrichtung in der Ambulanten Arbeit, die weniger standardisiert und stärker an den individuellen Vorstellungen und Deutungen der Adressaten orientiert sein sollte.

Aus systemischer Sicht hat jedes Problem einen Sinn, wenn der Kontext mit einbezogen wird. Insofern haben Eltern oft „gute Gründe”, Fachkräften und Hilfen gegenüber widerständig zu sein und nicht an eine bessere Zukunft zu glauben. Nur eine entsprechende Qualifizierung mit Wissen, Methodik, Haltung und dem Mut zu Beziehung ermöglicht es Fachkräften, mit Widerständen konstruktiv umzugehen und intrinsische Motivation bei Familien für wirkliche Veränderung - die oft einen langen Weg bedeuten - zu aktivieren.

Bundesweiter Fachtag
Bundesweiter Fachtag Fortsetzung

Fazit und Ausblick

Ambulante Hilfen stehen vor großen Herausforderungen, bieten aber auch enorme Chancen für eine nachhaltige und wirksame Unterstützung von Familien. Um das Potenzial Ambulanter Hilfen voll auszuschöpfen, braucht es verbesserte Rahmenbedingungen, eine auskömmliche Finanzierung und eine stärkere Anerkennung der fachlichen Anforderungen.

Der VPK-Bundesverband e.V. setzt sich mit seiner AG Ambulante Hilfen dafür ein, diese Themen voranzubringen und den Austausch zwischen allen Beteiligten zu fördern. Der bundesweite Fachtag am 19. November 2025 in Kassel bietet eine wichtige Plattform, um gemeinsam Lösungswege zu entwickeln und konkrete Schritte für die Zukunft zu vereinbaren.

Seien Sie Teil des Dialogs, der Veränderung bringt!

Wir laden alle Interessierten herzlich ein, sich am Fachtag zu beteiligen und mit ihrer Expertise zum Gelingen beizutragen. Eine ausführliche Einladung finden Sie in diesem Heft und auf der Homepage des VPK-Bundesverbandes e.V. (www.vpk.de). Wir freuen uns auf eine zahlreiche Teilnahme und einen vielfältigen und konstruktiven Austausch!

 

Kontakt für Rückfragen:

Janine Hahn
VPK-Bundesverband e.V.
E-Mail: info@vpk.de
Tel.: 0 30 / 58 17 16 04

Rolf Töpfer
VPK Hessen
E-Mail: fachreferent@vpk-hessen.de
Tel.: 01 60 / 7 79 10 28