Pressemitteilung "Weltkindertag 2026: Für Kinder gibt es wenig zu feiern – für Erwachsene hingegen viel zu tun"

Pressemitteilung vom 18.09.2026

Der VPK fordert zum Weltkindertag eine politische Kehrtwende: Junge Menschen brauchen verlässliche Unterstützung statt Kürzungen und Strukturreformen auf Kosten ihrer Rechte

Berlin, 18. September 2026

Berlin, 18. September 2026. Der Weltkindertag am 20. September sollte ein Tag des Feierns sein. Ein Tag, an dem die Rechte, Bedürfnisse und Perspektiven junger Menschen im Mittelpunkt stehen. Doch die Realität in Deutschland gibt derzeit wenig Anlass zum Feiern: Unterstützungsangebote geraten unter finanziellen Druck, psychische Belastungen junger Menschen nehmen zu und die Ergebnisse der PISA-Studie sind alarmierend. Mit dem geplanten 1. Kinder- und Jugendhilfestrukturreformgesetz (1. KJHSRG) schließlich droht eine Reform, welche die Lebensrealitäten leistungsberechtigter junger Menschen sowie der Jugendhilfelandschaft verkennt.

„Wer den Weltkindertag ernst nimmt, darf sich nicht mit Sonntagsreden zufriedengeben. Junge Menschen brauchen nicht nur gute Wünsche, sondern verlässliche Strukturen, echte Chancen und konkrete Unterstützung. Genau daran fehlt es derzeit an vielen Stellen. Die junge Generation spielt im aktuellen politischen Handeln kaum noch eine Rolle und den politisch Verantwortlichen scheint der positive Blick auf Kinder und Jugendliche verloren gegangen zu sein“, erklärt Martin Adam, Präsident des Bundesverbandes privater Träger der freien Kinder-, Jugend- und Sozialhilfe e.V. (VPK). 

1. KJHSRG: Der junge Mensch und seine Bedürfnisse müssen im Mittelpunkt stehen 

Der VPK begrüßt das Ziel, die Kinder- und Jugendhilfe weiterzuentwickeln und deren Strukturen im Sinne junger Menschen zu verändern. Gleichzeitig sieht der Verband den aktuellen Kabinettsentwurf des 1. KJHSRG mit großer Sorge und warnt, dass eine Reform nicht dazu führen dürfe, individuelle Rechtsansprüche zugunsten vorhandener oder vermeintlich kostengünstiger Strukturen zurückzudrängen. Der vorgesehene Vorrang infrastruktureller Angebote birgt aus Sicht des VPK die Gefahr eines grundlegenden Perspektivwechsels: Nicht mehr der junge Mensch und sein individueller Unterstützungsbedarf stehen im Mittelpunkt, sondern das, was vor Ort gerade verfügbar und finanzierbar ist. Gerade junge Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf könnten so höhere Zugangshürden oder gar Versorgungslücken erleben. „Effizienz ist wichtig. Aber eine Hilfe ist nicht effizient, wenn sie zwar weniger kostet, den jungen Menschen aber nicht erreicht oder seinen tatsächlichen Bedarf nicht deckt. Wer heute bei bedarfsgerechten Hilfen spart, riskiert morgen deutlich höhere soziale und gesellschaftliche Folgekosten“, so Adam. 

Auch die im Gesetzentwurf vorgesehene Abkehr von einer inklusiven Gesamtzuständigkeit und die Reduzierung auf eine Experimentierklausel kritisiert der VPK deutlich. Statt einer einheitlichen Lösung entsteht ein Flickwerk unterschiedlicher Zuständigkeiten, das jungen Menschen mit Behinderungen je nach Wohnort ungleiche Chancen bietet. Dies ist ein direkter Verstoß gegen den Auftrag des § 1 SGB VIII und die UN-Behindertenrechtskonvention und behält die Trennung zwischen jungen Menschen mit und ohne Behinderung bei.  

Psychische Gesundheit: Mehr Bedarf, mehr Unterstützung statt weniger 

Wie dringend verlässliche Hilfen sind, zeigen auch die aktuellen Entwicklungen bei der psychischen Gesundheit junger Menschen. Psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen waren 2024 die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausbehandlungen von 10- bis 19-Jährigen. Mehr als 116.300 Kinder und Jugendliche wurden deswegen stationär behandelt – 3,4 Prozent mehr als im Vorjahr und 36,5 Prozent mehr als noch im Jahr 2004. 

Auch die Eingliederungshilfen für junge Menschen mit seelischer Behinderung haben deutlich zugenommen: 2024 wurden gut 174.000 entsprechende Hilfen gewährt – mehr als doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Die Ausgaben lagen bei rund 3,5 Milliarden Euro. 

Der Unterstützungsbedarf wächst – doch vielerorts geraten gerade präventive und niedrigschwellige Angebote finanziell unter Druck. Der VPK warnt davor, ausgerechnet bei den Angeboten zu sparen, die frühzeitig ansetzen und verhindern können, dass aus Belastungen schwerwiegende Krisen werden. „Wenn der Unterstützungsbedarf steigt, kann die Antwort nicht darin bestehen, Hilfen zurückzufahren oder Zugänge zu erschweren. Wir brauchen mehr Prävention, frühe Unterstützung und bedarfsgerechte Hilfen“, betont Adam. 

PISA: Ein Warnsignal für die Zukunftschancen junger Menschen 

Nicht zuletzt sind die am 8. September veröffentlichten Ergebnisse der PISA-Studie 2025 ein deutlicher Weckruf. Deutschland erreicht in Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften jeweils die niedrigsten Werte, die jemals im Rahmen von PISA für Deutschland gemessen wurden. Gegenüber 2015 ist der Anteil der leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler in Mathematik um 17 Prozentpunkte, in der Lesekompetenz um 15 Prozentpunkte und in den Naturwissenschaften um 10 Prozentpunkte gestiegen. 

„Hinter diesen Zahlen stehen junge Menschen, deren Bildungs- und Lebenschancen davon abhängen, ob es uns gelingt, ihnen gute Entwicklungsbedingungen zu bieten. Bildungserfolg entsteht nicht unabhängig von der Lebenssituation. Im Gegenteil: Armut, familiäre Belastungen, psychische Krisen oder fehlende Teilhabe wirken sich auch auf Bildungschancen aus. Eine starke Kinder- und Jugendhilfe ist deshalb zentraler Bestandteil einer erfolgreichen Bildungs- und Gesellschaftspolitik“, so Adam. 

Nicht weniger Hilfe, sondern bessere Hilfe 

Der VPK will den Weltkindertag nicht zum Anlass nehmen, ausschließlich Defizite zu beklagen. Deutschland kann die Situation junger Menschen verbessern – wenn die Politik bereit ist, die richtigen Prioritäten zu setzen. 

Dazu gehören aus Sicht des VPK insbesondere: 

  • verlässliche und bedarfsgerechte individuelle Hilfen, die sich am einzelnen jungen Menschen und nicht primär an vorhandenen Strukturen orientieren, 
  • eine inklusive Kinder- und Jugendhilfe aus einer Hand, die Zuständigkeiten tatsächlich vereinfacht und keine neuen Schnittstellen schafft, 
  • eine verlässliche Finanzierung der Kinder- und Jugendhilfe, damit Kommunen und Träger ihre Aufgaben fachlich hochwertig und nachhaltig erfüllen können, 
  • präventive und niedrigschwellige Angebote, die frühzeitig Unterstützung ermöglichen, 
  • eine konsequente Stärkung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen und ein Ausbau von Prävention und Früherkennung, 
  • Investitionen in Bildung und Bildungsgerechtigkeit 
  • und vor allem: eine konsequente Beteiligung junger Menschen, ihrer Familien und der Fachpraxis an Reformprozessen. 

„Kinder und Jugendliche sind keine Kostenstelle und auch kein Reformobjekt. Sie sind Menschen mit eigenen Rechten, eigenen Vorstellungen und individuellen Bedürfnissen. Eine zukunftsfähige Kinder- und Jugendhilfe muss deshalb nicht fragen, wie Unterstützung möglichst kostengünstig organisiert werden kann, sondern wie sie möglichst wirksam bei den jungen Menschen ankommt“, sagt Martin Adam. 

Der VPK verbindet den Weltkindertag daher mit einem klaren politischen Auftrag: Deutschland muss endlich stärker in das Aufwachsen junger Menschen investieren. Nicht irgendwann, sondern jetzt. „Wir wollen keinen Staat, der Kindern jeden Wunsch erfüllt. Wir wollen einen Staat, der seine Verantwortung ernst nimmt: für gute Bildung, für Schutz, für Teilhabe, für psychische Gesundheit und für verlässliche Unterstützung in schwierigen Lebenslagen. Erst wenn das gelingt, hätten wir tatsächlich Anlass zum Feiern“, so Adam abschließend. 

 

VPK-Bundesverband e.V.

Kontakt / Ansprechpartner
Bundesverband privater Träger der freien Kinder-, Jugend- und Sozialhilfe e.V. (VPK)
Bundesgeschäftsstelle: Albestraße 21, 12159 Berlin, Tel.: 030 / 89 62 52 37
Sophia Reichardt
E-Mail: reichardt@vpk.de
Internet: www.vpk.de
Instagram: @vpk_de

Hintergrund

Der VPK-Bundesverband ist der einzige bundesweite Dachverband für private Träger der freien Kinder-, Jugend- und Sozialhilfe. Er ist politisch und finanziell unabhängig und wird durch die Beiträge der Mitglieder der Landes- und Fachverbände finanziert, die auf Grundlage des Sozialgesetzbuches verschiedene Dienstleistungen in der Kinder- und Jugendhilfe erbringen.
Der VPK wird zur Interessenvertretung seiner Mitglieder gegenüber Politik und Gesellschaft aktiv. Er ist nach seinem Selbstverständnis qualitäts- und leistungsorientiert und in verschiedenen übergreifenden Gremien bundesweit vertreten. Der Verband wird in allgemeinen und grundsätzlichen Fragestellungen der Kinder- und Jugendhilfe initiativ, verfasst Stellungnahmen, unterhält eine Internetseite und gibt die Fachzeitschrift „Blickpunkt Jugendhilfe“ heraus.

Weltkindertag 2026 (Getty Images)